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Dampfender Punsch, kunsthandwerkliche Kostbarkeiten und viele Klönschnacks: Im November beginnt auf Sylt die Zeit der Weihnachtsmärkte. Heiß begehrt dort ist der Jöölboom, der Sylter Weihnachtsbaum.
Was machen die Bewohner einer Insel, auf der es kaum Bäume – geschweige denn Nadelbäume – gibt, kurz vor Heiligabend, wenn der Ruf nach einem Weihnachtsbaum ungehört in der winterlichen Nordseebrandung verhallt? Sie basteln sich einen. So geschehen um das Jahr 1800: Ganz Europa strahlt in weihnachtlichem Glanz, doch den Friesen mangelt es an Bäumen. Die Lösung: Man nehme einen Besenstil und drei Querlatten, umranke sie mit Buchsbaum oder Efeu, schmücke sie mit Kerzen und Äpfeln und füge Figuren aus Salzteig hinzu. Fertig ist der Jöölboom. Dekorativ, leicht herzustellen. Und: Er nadelt nicht.

Ob sich die Erfindung des Jöölboom genau so zugetragen hat – Forscher sind sich da nicht einig. Viele führen die Entstehung des historischen Weihnachtsschmucks auf germanische – und da vor allem skandinavische – Einflüsse zurück. Der Name „Jööl“ würde sich in diesem Fall aus dem nordischen „hjul“ ableiten, was so viel wie „Rad“ bedeutet. Damit wäre dann das Zeitrad gemeint, das nach alten, nordischen Vorstellungen um die Jahreswende ruht, um dann für das kommende Jahr neuen Schwung zu holen. Eine weitere Erklärung liefert das skandinavische „Jol“, was so viel wie „Freude“ bedeutet. Vielleicht doch ein Hinweis auf das Weihnachtsfest?

Dass heidnische und christliche Symbolik hier Hand in Hand gehen, zeigt sich auch an den Figuren aus Salzteig, die den Jöölboom schmücken: Den Sockel bilden Adam und Eva mit der Schlange, darüber befinden sich ein Pferd, ein Hund und an der Spitze ein Hahn. Keine Sylter Inselmusikanten, wie man vermuten könnte. Vielmehr sieht die Forschung in den Teigtieren einen symbolischen Ersatz für vorchristliche Opfergaben. Zudem verkörpert jedes Tier eine Eigenschaft. Das Pferd steht für Kraft, Ausdauer und Schnelligkeit, der Hund für die Treue und der Hahn für Wachsamkeit. Bisweilen findet man auch ein Segelschiff und eine Mühle – Sinnbilder für die seit Jahrhunderten betriebene Seefahrt und den Ackerbau. Zudem schmücken Dörrobst und Äpfel den friesischen Weihnachtsbaum, ein Buchsbaumkranz rundet ihn im wahren Wortsinn ab. Mit der zunehmenden Verbreitung des Adventskranzes wurden am Gestell des Jöölboom auch Kerzen angebracht und an den Adventssonntagen entzündet.

Eine Notlösung wird Kult: Nachdem der Jöölboom im Laufe des 20. Jahrhunderts beinahe in Vergessenheit geriet, erfreut er sich heute wieder wachsender Beliebtheit. Viele Insulaner basteln ihn sich selbst, wobei der Besenstil mittlerweile durch ein Holgestell ersetzt wurde. So viel Aufwand muss man allerdings gar nicht betreiben: Auf einem der stimmungsvollen Sylter Weihnachtsmärkte findet sich garantiert ein Exemplar – jedes Stück ist handgefertigt und ein echtes Unikat. Als vorweihnachtliche Geschenke sollen es einzelne Exemplare sogar bis in die USA geschafft haben. Seinen Platz findet er meist am Fenster oder auf einem Tisch im Wohnzimmer. Dabei ist der Jöölboom mittlerweile weniger ein Ersatz für den Weihnachtsbaum, sondern wird in der gesamten Adventszeit aufgestellt. Und so geht der Trend in dieser Saison zum Zweitweihnachtsbaum: einer aus dem Wald und einer aus Salzteig.