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Das schleswig-holsteinische Wattenmeer ist einer der wertvollsten Lebensräume weltweit – als Nationalpark geschützt und als Weltnaturerbe anerkannt. Mit seinen Inseln und Halligen, den Sänden und den trockenfallenden Wattflächen sorgt dieses Gebiet zugleich dafür, dass ein Großteil der von der Nordsee eingetragenen Seegangs- und Strömungsenergie vor Erreichen der Küstenlinie umgewandelt und dadurch die Belastung der Küste bei Sturmfluten erheblich reduziert wird. Bisher ist es gelungen, mit Maßnahmen wie Sandvorspülungen, Entwicklung des Vorlandes, Damm- und Deckwerksbau die Küste zu schützen, ohne dass die ökologische Bedeutung des Lebensraumes Wattenmeer gravierend beeinträchtigt wurde. Durch die globale Erderwärmung, den damit verbundenen beschleunigten Meeresspiegelanstieg und den Anstieg der Wassertemperaturen besteht die Sorge, dass dieser einmalige Lebensraum existenziell bedroht ist. Wissenschaftler projizieren bis zum Jahr 2100 einen Anstieg des Meeresspiegels in unseren Breiten von 0,2 bis 1,4 m. Entlang der unmittelbaren Küstenlinie kann man einem solchen Meeresspiegelanstieg technisch begegnen, beispielsweise durch Deiche, bei denen Klimazuschläge und Baureserven gleich eingeplant sind, oder durch umfangreichere Sandvorspülungen vor den sandigen Küsten. Ob aber das Küstenvorfeld diesem verstärkten Meeresspiegelanstieg widerstehen kann, der sich insbesondere in der zweiten Hälfte dieses Jahrhunderts auswirken wird, ist unsicher.

Das Wattenmeer kann in begrenztem Maße mit dem Meeresspiegel mitwachsen, indem bei tide- und wetterbedingten Überflutungen Sedimente dauerhaft abgelagert werden oder auf den sandigen Inseln durch den Wind Vordünen aufgebaut werden und anwachsen. Doch es gibt viele offene Fragen: Wo sind die Grenzen für die Fähigkeit des Wattenmeeres zum Mitwachsen bei einer zu großen Geschwindigkeit des Meeresspiegelanstieges? Führt dies zu verstärkten Ausräumungen – flächenhaft oder in den Wattrinnen bzw. den umströmten Bereichen von Inseln und Halligen? Aus welchen Quellen speist sich der Sedimentnachschub? Steht für ein Mitwachsen der Wattflächen und Halligen genügend Sediment zur Verfügung? Wird sich die West-Ost-Verlagerung der sandigen Bereiche, insbesondere der Außensände, beschleunigen? Werden sich neue seebürtige Sände bilden können oder Sände wieder untergehen? Welche Auswirkung hat der Anstieg der Wassertemperatur? Wie entwickeln sich die wertgebenden Lebensraumtypen, beispielsweise Watt, Muschelbänke, Salzwiesen, Dünen und Sandbänke? Welche Ökosystemfunktionen in regionalem, in Wattenmeer-weitem oder auch globalem Maßstab (Drehscheibe des Vogelzuges) kann das Wattenmeer zukünftig erfüllen?

Dies zu erforschen wird auch Voraussetzung dafür sein, dass die notwendigen Maßnahmen zum Schutz und Erhalt des Wattenmeeres mit seinen vielfältigen Funktionen abgeleitet werden können. Dabei kommt es auf ein gemeinsames Verständnis des Natur- und Küstenschutzes und gemeinsame Kriterien zur Bewertung der Veränderung des Wattenmeeres an. Hierauf aufbauend soll eine Strategie als Grundlage für die zukünftigen Aufgaben und Maßnahmen des Naturschutzes und des Küstenschutzes entwickelt werden. Gemeinsames Ziel von Naturschutz und Küstenschutz muss es sein, das Wattenmeer in seiner Einzigartigkeit zu erhalten – auch angesichts des Klimawandels. Bei den zu entwickelnden Maßnahmen hat der Anspruch der Küstenbewohner an ihre Sicherheit Vorrang, die Maßnahmen sollen aber mit der Vision des Wattenmeerschutzes „Natur Natur sein lassen“ so weit wie möglich abgeglichen werden.

Die Strategie wird unter Leitung der Umweltministeriums von einer Projektgruppe und einem Beirat erarbeitet, in dem Küstenkreise, Insel-und Halligkonferenz, Naturschutz- und Tourismusverbände, Fachwissenschaftler sowie der Landesbetrieb für Küstenschutz, Nationalpark und Meeresschutz vertreten sind. Bis Juli 2014 soll die Grundkonzeption fertig sein, Ende 2014 soll das Kieler Kabinett die Strategie verabschieden. Die Strategie Wattenmeer 2100 wird dann Grundlage für je einen Fach- und einen Managementplan Wattenmeer sein. Beide sollen die Vorhaben des Küsten- und Naturschutzes präzisieren.